1655/56 – Die Pest in Bremen

Im 17. Jahrhundert herrschte die Pest gleich viermal in Bremen: 1610, 1623 bis 1628, 1655/56 und 1666 bis 1668.

Die Pest von 1655 scheint auf dem Wasserweg von Amsterdam, wo die Seuche im gleichen Jahr grassiert, nach Bremen geschleppt worden zu sein. Hier trat sie zunächst im Stephani-Viertel auf, verlor sich aber mit Eintritt des Frostes schnell wieder.

"Im Februarii und Martii dieses 1656sten Jahres fieng die abscheuliche Seuche der Pestilenz aus vom neune alhie in Bremen hart umb sich zu greifen, so dass in der Mattenburg und Krummenstrasse vorgenanndt viele Leute sturben", berichtete die Bremer Chronik am Ende des 17. Jahrhunderts. Tatsächlich war die Pest erneut in einer der Kümmerlichsten Wohnstrassen des Stephani-Viertels ausgebrochen und hatte dann über den Tiefer den Weg in den Schnoor gefunden. Es waren immer die armen Leute, die zuerst und am härtesten von der Pest betroffen waren. Zwar machte der "Schwarze Tod" auch vor den Reichen nicht hat, doch erreichte die Seuche meist erst mit mehrwöchiger Verzögerung die besseren Wohnviertel in Bremen.

Der Rat reagierte auf die Pest mit einer Pestverordnung, stellte einen Pestminister, Siechentröster, d.h. Prediger, die sich ausschließlich um die Pestopfer kümmerten, Totengräber und Pestbarbiere als Ärzte ein. Mit der Pest infizierte Häuser wurden mit weißen Kreutzen gekennzeichnet. Wer ein Pesthaus verließ, musste einen weißen Stab tragen und während des Gottesdienstes in den Kirchen an besonderer, ihm eigens zugewiesener Stelle unter seinesgleichen bleiben.

Im August 1656 erreichte die Pest ihren Höhepunkt. Nun fielen ihr auch wohlhabende Bremer Bürger zum Opfer. Wer konnte, brachte seine Familie außerhalb der Stadt in Sicherheit. Kontrolliert wurde an den Stadtgrenzen nicht und großzügig stellte der Rat Gesundheitspässe für bremische Reisende aus. Die benachbarten Landesherrschaften reagierten empfindlich. Die Schweden stellten Wachen an ihren Grenzen im bremischen Umland auf, und auswärtige Messestädte wie Osnabrück, Kassel oder Braunschweig schlossen ihre Tore vor bremischen Kaufleuten. Der Bremer Freimarkt, so forderten die Oldenburger, sollte in diesem Jahr außerhalb der Stadt an einem "gesunden Orte" abgehalten werden. Wirtschaftliche Einbußen waren die Folge.

Trotz der Pest arbeiteten in Bremen Verwaltung, Gerichte, Schulmeister und Kirchenverbände weiter, als bestünde keine Gefahr dabei, ungeschützt vor Ansteckung zusammen zu kommen. Die Folgen lagen auf der Hand: "Im April, Majo, Junio, Julio, Augusto gieng es weiter fort, weilen diese gemeinen Leute alzu unbehutsahm zu einander und durcheinander giengen, auch viele von Schrecken, wann sie die Todten aus den Häusern sahen herausschleppen und auf die Strasse setzten, die Pest kriegten". An eine konsequente Isolierung der Kranken und Verdächtigen dachte niemand ernsthaft, wogegen merkwürdige Empfehlungen für Amulette, Pestküchlein, Schweißgetränke oder "Pillulae pestientiales" die Runde machten.

Als die Pest im Dezember 1656 aufhörte, waren in Bremen 973 Menschen an der Seuche gestorben. Mit Abstand die meisten Opfer hatte man im sozial schwachen Stephanie-Viertel gezählt, darunter besonders Kinder, Jugendliche und Frauen.

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